Neues Buch von Siegfried Gelhausen - Osttirol Online


„Wenn man älter wird, kommt die Jugendzeit wieder näher“

Siegfried Gelhausen ist ein Künstler, ein Beobachter und Abenteurer. Mit seinen Texten und lyrischen Werken ist er in Kärnten längst kein Unbekannter mehr. Sein jüngstes Werk nennt er „Das Kamillentee-Haus“. In dem autobiografischen Roman zeichnet er ein Bild seiner Jugendzeit im Drautal und lässt dabei Ungesagtes und Verschwiegenes nicht aus.

„Um über die Kindheit und über die Jugendzeit zu schreiben, muss man ein gewisses Alter haben. Aus einer gewissen Entfernung kann man anders darüber schreiben“, sagt Siegfried Gelhausen (Jg. 1950), der im Herbstlockdown die nötige Zeit und Distanz gefunden hat, um über sein Heimathaus und seine Jugendzeit zu schreiben. Der gebürtige Irschner ist in Kärnten vor allem für seine Lyrik-Texte bekannt, erst im Vorjahr erhielt er den Kärntner Lyrikpreis. So direkt, ungeschönt aber treffend wie seine Lyrik ist auch das Buch in dem er Einblicke in sein Aufwachsen in der „Einschicht“ in der Irschner Schattseite gewährt. Das „Kamillentee-Haus“ zeichnet ein „exemplarisches Sittengemälde der Lebensumstände im Oberen Drautal“ nach, schreibt der Lesachtaler Schriftsteller Engelbert Obernosterer im Vorwort zu Gelhausens Buch. Die Geschichten sind nicht erfunden, erzählen von seinen Eltern und Großeltern und dem Schweigen zwischen den Generationen. „Es wurde höchstens geschimpft, wenn etwas nicht gepasst hat. Als Kind will man immer ein bisschen Anerkennung. Ich bin nicht arm aufgewachsen, habe alles gehabt für die damaligen Verhältnisse - aber vom Menschlichen her...“. Gute Erinnerungen hat er an seine Großmutter. Sie war die einzige Quelle an Nähe. Der Großvater war ein „Hitler-Fan“. „Das war damals so. Auf den Adolf ist er hereingefallen. Da hat man nicht darüber schimpfen dürfen“.

Therapeutisches Buch

Das „Kamillentee-Haus“ steht noch in der Einschicht. „Das Haus in dem ich geboren wurde und 40 Jahre gelebt habe, verfällt langsam und ist jetzt schon eine halbe Ruine“, meint Gelhausen nachdenklich. Mit dem Buch wollte er dem Haus ein literarisches Denkmal setzen, es sollte noch einmal „aufleben“. „Kamillentee-Haus“ ist nicht der Hausname aber angelehnt an eine Erinnerung. Rund um das Haus wuchsen damals Kamillen in „ganzen Stauden“. „Wenn i heute Kamillen rieche, kommen die Bilder“. Sein Vater war ein deutscher Soldat, der zu Fuß von der Front in Griechenland nach Hause zu kommen versuchte. Durch einen Irrtum landete er in Irschen,  wollte mit dem Zug nach Linz „zu den Amerikanern“ fahren, stieg aber in Klagenfurt in den Zug nach Lienz ein. In Irschen fühlte er sich nie wirklich heimisch und hatte sich auch mit dem Großvater nicht gut verstanden. Der wollte für seine Tochter einen Bauernsohn mit Besitz haben. „Das hat er ihn immer wieder spüren lassen, das habe ich auch mitbekommen“, erinnert sich der Autor. Im Buch hat er auch das aufgearbeitet. „Ein anderer geht zum Therapeuten und zahlt eine Menge Geld und ich schreibe ein Buch“, scherzt Gelhausen. Ob jetzt etwas leichter ist? „Sicher, erst nachdem ich es in der Hand hielt, habe mich so wohlgefühlt“.

Vom Bild zum Wort

„Wenn ich das Buch fertig habe, werde ich wieder malen“, meint der Autor. Für einen Bauernbub aus der Schattseite hat er ein ungewöhnliches Talent für die Malerei, „es hat mir getaugt, das Malen“. Gelhausen genoss auch eine künstlerische Ausbildung. Bei einer Ausstellung in Villach lernte er den Maler Prof. Theo Braun kennen. Dieser hat sein Talent erkannt und gefördert, er verbrachte einige Monate in seinem Atelier. „Eine tolle Zeit“. 1972 stellte er erstmals seine Bilder in Klagenfurt aus. Erst später habe er angefangen zu schreiben, mehrere Lyrik-Preise säumen seither seinen Weg. 2008 und 2011 der Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt, 2014 der Kulturpreis der Stadt Klagenfurt - „Das hat als Dellacher noch keiner geschafft“ - und Letzens der erwähnte Kärntner Lyrikpreis 2020. Seine Lyrik entstehe ganz spontan. „man muss immer den Bleistift in Griffweite haben“. Viele Gedanken kommen ihm auch beim Friedhof-mähen in Dellach.  „Wichtig ist wach bleiben, beobachten und dass man sich geistig immer bewegt“, so sein Geheimnis.

Paraguay – und das Buch, das noch kommt

Gelhausen war 1987 nach Südamerika ausgewandert und betrieb in der Hauptstadt Paraguays, Asuncion, ein Restaurant. Über die drei Jahre in Paraguay werde noch ein Buch herauskommen, „das mindestens doppelt so dick ist, wie das ‚Kamillentee-Haus‘“. „Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich noch dasitze, es gibt genug Geschichten von Auswanderern, von denen man nie mehr etwas gehört hat“. Es war die Zeit der Diktatur von General Alfredo Stroessner, die viele Deutsche als attraktiv befanden, nach Paraguay auszuwandern.  „Teilweise kam man sich vor, wie im wilden Westen. Da liefen sie noch herum mit dem Revolver umgehängt, das glaubt man nicht“, er innert sich Gelhausen. Im Herbst will er dieses Buch angehen.

Familie

Mit dem „Kamillentee-Haus“ hat Gelhausen auch seine Familie vor den Vorhang geholt, das ist ihm auch bewusst. „Ich habe schon damit gerechnet, dass manche etwas sagen werden, aber die nationalsozialistische Vergangenheit sei bei uns noch nicht wirklich aufgearbeitet.“ Für Gelhausen ist es eine „Pflicht darüber zu reden und zu schreiben. Wenn man sich die Zeit heute wieder anschaut, muss man dagegen schreiben“. Der gebürtige Irschner lebt seit 25 Jahren in Dellach und ist in vierter Ehe verheiratet mit Ehefrau Graszyna. Aus erster Ehe hat er zwei Töchter und eine weitere Tochter aus Paraguay „mitgebracht“, die jetzt in Dellach lebt. „Jetzt passts“, meint der 70-Jährige, der sich bereits über die vielen Reaktionen auf sein Buch freut. Das Buch soll auch einen zeithistorischen Zweck erfüllen, jüngeren Leuten am Beispiel seiner Familie diese Zeit näherbringen. Ein „Puzzleteil“ – wie Peter Turini über seine Texte schreibt, dass mit anderen ein ganzes Bild ergibt.

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